„...Beim Reizwort postmodern geistert vielerorts die Wunschvorstellung mit, Geschichte sei umkehrbar. Man merkt förmlich die Genugtuung, wir würden uns endlich in einer idyllischen Prämoderne befinden. In dieser ideologisch verbrämten Verwechslung liegt die offen getragene Abrechnung mit dem Geist der Moderne. Von hier sollten wir ausgehen, weil die herrschenden Ressentiments für oder gegen die Postmoderne den Blick auf Wesentliches trüben. Die Moderne als Glied einer logisch begründbaren Entwicklung ist, als das Zeitgenössische schlechthin, stets genauso notwendig gewesen wie das Nachdenken über Folgen und mögliche Varianten von allem Neuen....“

Mauricio Kagel, in „Komponieren in der Postmoderne 1989“
(in: Worte über Musik, Schott 1991)

 

Angesichts der Überfülle an Klavierliteratur scheint es vermessen einen Wettbewerb zu veranstalten, der das Komponieren neuer Stücke fördern soll. Alles scheint es schon zu geben, auch an Stücken für Kinder und Jugendliche. Doch allzu oft erweist sich die „pädagogische Literatur“  der Gegenwart allzu arm an künstlerischen Ansprüchen; allzu oft scheint sich die Reduzierung des technischen Schwierigkeitsgrades mit einer eingeschränkten Vorstellung davon zu verbinden, was Kinder und Jugendliche geistig und emotionell zu verstehen vermögen.

Gesucht werden Stücke für Klavier, die sich an Kinder und Jugendliche wenden und sich daher einer Beschränkung des technischen Schwierigkeitsgrades unterwerfen, die aber andererseits in künstlerischen Ansprüchen keine Kompromisse eingehen und in einer zeitgemäßen Tonsprache den Lernenden Anregungen, Erkenntnisse, neue Erfahrungen anbieten: Erfahrungen über sich selbst und die Welt, in der sie leben.

Das Ludwig van Beethoven Institut für Klavier und Cembalo in der Musikpädagogik möchte mit diesem Kompositionswettbewerb eine Möglichkeit schaffen, dass solche Stücke in Zukunft häufiger zu finden sind, und Komponistinnen und Komponisten dazu einladen, sich der Herausforderung zu stellen und sich an dem Wettbewerb zu beteiligen.

Eine Woche lang wird dann das Publikum - Studierende, Lehrende, ausübende Musiker und Musikinteressierte - Gelegenheit haben zu verfolgen, wie die Juroren in öffentlichen Diskussionen der Frage nachgehen, wieweit die Aufgabe gelöst wurde. Sie sollen die künstlerische Qualität der Stücke einschätzen, aber auch die Frage: was lernt der Lernende an diesen Stücken? Sie werden darüber diskutieren, was an einem Stück spannend, was zukunftsorientiert maßgebend sein mag. Sie werden aber auch im Blickfeld behalten, wo die Grenzen der technischen Möglichkeiten von Jugendlichen/Kindern liegen.

 

Die Entscheidungsfindung zur Vergabe der Preise erfolgt im Mauricio Kagel Wettbewerb also auf besondere Art - nicht hinter verschlossenen Türen, sondern in offenen und öffentlichen Gesprächen. Prämiert werden Klavierstücke, die von Kindern/Jugendlichen gespielt werden können - Stücke, die aber keine künstlerischen Kompromisse eingehen um pädagogisch wirken zu können, sondern durch kompositorische Qualität überzeugen.